Stadt vs. Land – wo lebt es sich besser?

Seit fast einem Jahr wohne ich mit meinem Mann wieder auf dem Lande, nachdem ich die letzten Jahre in verschiedenen Städten gelebt habe, alleine, in einer WG oder eben zusammen mit meinem Mann. Und ich muss wirklich sagen, die Entscheidung wieder in unsere Heimatgegend zu ziehen fiel uns erstaunlich leicht, obwohl weder die tolle Infrastruktur noch die unglaublich aufgeschlossenen Landmenschen der Grund dafür waren. Ja ich weiß, dass war gemein, ich erkläre später was ich damit meine. Einzig und allein unsere Familie und Freunde waren der Grund wieder hier hin zu kommen, denn die sind uns sehr wichtig und wir stellten vermehrt fest, dass wir unsere Wochenenden doch immer wieder damit verbrachten in die Heimat zu fahren, um dort alle zu sehen.

Es gibt natürlich einige Dinge an der Stadt, die ich sehr vermisse: Mitten in der Nacht zum 24-Stunden-Kiosk zu laufen und mir etwas Süßes zu kaufen oder wenn mal wieder ausgerechnet Sonntags die Milch ausgegangen war. Oder die riesen Auswahl an Restaurants, Lieferdiensten und Läden, die um die Ecke oder höchstens zwei oder drei Stationen mit der Bahn entfernt lagen. Dazu muss man sagen, dass wir hier auf dem Ländle glaube ich nur eine einzige Dönerbude haben, die auch nach Hause liefert. Alles andere muss man abholen und da beschränkt sich die Auswahl auf Döner, Pizza und Chinesisch. Außerdem habe ich an der Stadt die Anonymität stets geliebt, es juckt dort einfach niemanden wie du aussiehst, was du machst und ob du in deinem schlimmsten Joggingoutfit und den strähnigsten Haaren durch den Supermarkt marschierst. Nicht, dass ich mir das hier auf dem Land nehmen lassen würde, aber man kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent davon ausgehen, dass man irgendjemanden trifft, der dich oder deine Familie kennt und sich dann auch unbedingt mit dir unterhalten möchte. An Tagen wo ich gut drauf bin und Zeit habe ist das auch kein großes Problem, aber dann gibt es da diese Tage… naja ihr wisst sicher was ich meine. Da will an einfach in seiner löchrigen, ungeschminkten, Asipalmenerscheinung in den Supermarkt springen und seinen Vorrat an Nutella und Milch aufstocken. Ganz in Ruhe und ohne das einen der Bruder von der Freundin von so und so an der Kasse fragt, ob es einem nicht gut geht, man sehe so schlecht aus. Und in einer Gegend wo sich Dörfchen an Dörfchen reiht, bleibt diese Einschätzung selbstverständlich nicht im eigenen Kopf, sondern wird munter jedem weitergegeben, der mich irgendwoher kennt. Der fairnesshalber sei gesagt, dass das in der Stadt sicher genauso ablaufen kann, die Wahrscheinlichkeit ist aufgrund der Fläche und der Auswahl der Läden nur einfach viel geringer, überhaupt jemanden zu treffen. Und dann kann man sich auch noch verstecken, wenn man sich lieber vor der Begegnung drücken möchte.

Aber ich will nicht so klingen, als sei mir das Land total verhasst und ich ein absoluter Stadtfan, vor allem wenn man nach ein paar Jahren wieder herzieht, weiß man doch einige Dinge zu schätzen, die man vorher für selbstverständlich genommen hat. Alleine, dass ich vor meiner Haustür immer einen Parkplatz habe ist von unschätzbarem Wert, wenn man das letzte Jahr immer mindestens eine halbe Stunde am Tag mit der Parkplatzsuche vor der städtischen Wohnung verbracht hat und dann meistens noch im Halteverbot parken musste, um dann morgens ganz früh das Auto wieder wegzubringen, damit man nicht wieder ein Knöllchen kassiert. Oder die Tatsache, dass wir für unsere aktuelle Wohnung in etwa das selbe bezahlen, wie für unsere Stadtwohnung, aber doppelt so viele Quadratmeter zur Verfügung haben und eine Garage noch dazu. Weiterhin weiß ich es sehr zu schätzen, dass sich direkt vor meiner Haustür viele verschiedene tolle Wander- und Spazierwege befinden, mit einer bildschönen Landschaft, für die andere Leute in den Urlaub fahren. Natürlich ist das Angebot an Freizeitaktivitäten nicht ganz so groß, aber wir leben glücklicherweise noch so nah an der Autobahn, dass man dann auch mal einen Tagesausflug in eine größere Stadt machen kann, um das Stadtfernweh zu befriedigen. Es kommt mit allergrößter Sicherheit auch einfach auf seine Lebenssituation an, als Jugendlicher kotzt es natürlich an, wenn der letzte Bus um 2 vor 6 fährt und man von jeder Party von seinen Eltern abgeholt werden muss. Aber in unserer Lebenssituation in der wir eine Familie gründen, ist das hier vom Platz und dem Naturangebot her wirklich ein Traum. Und ich habe auch keine streitsüchtige Mutti mehr unter mir wohnen, die mit dem Besen gegen die Wohnungsdecke hämmert, wenn ich es wage, um 20 Uhr noch den Staubsauger zu betätigen. Aber davon erzähle ich vielleicht mal in einem anderen Blog.

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